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Vergiss nie deine Träume

8. Dezember 2014 | Menschen & Mediq

Vergiss nie deine Träume!

Für viele ist es das Ende aller Freiheit, und vor 30 Jahren war es eine Katastrophe: Die Diagnose „Diabetes mellitus Typ 1“ trifft mich mit 26 Jahren. Ab jetzt bestimmen ständiges Zuckermessen, Essen kalkulieren, Insulin spritzen und Unterzuckerungen, selbstverständlich in den unpassendsten Momenten, nicht nur mein, sondern das Leben meiner Familie. Gewaltig sind die Hindernisse. Resignation? Nein!

Vielleicht war und ist dieses Handicap sogar eine Chance für mich? Meine Frau ist überzeugt, dass mich diese Erkrankung zutiefst verändert hat. Ich lebe bewusster, schätze das Leben, explodiere vor Neugier und suche ständig Herausforderungen.

Entsprechend unserer neuen Situation entwerfen wir einen Lebensplan und legen dafür ständig Geld auf die hohe Kante. Unser Ziel ist, finanzielle Unabhängigkeit mit Fünfzig. Ohne Zeitlimit wollen wir dann unsere Träume leben, bevor eventuelle Spätschäden unsere Ziele durchkreuzen.

Bis dahin entdeckten meine Frau und ich mit einem kleinen Golf, einem kleinen Wohnwagen und unseren zwei kleinen Kindern Europa. Das Reisen mit einem Wohnwagen war für mich vor allem in der Anfangszeit als Diabetiker eine perfekte Wahl. Wir hatten einen Kühlschrank fürs Insulin und viel Platz für Nahrungsmittel. Meine Frau konnte unsere Mahlzeiten wie gewohnt zubereiten, wodurch ich meinen „Zucker“ immer (meist) im Griff hatte. 

Als die Kinder größer waren, lockten andere Reisemittel und Ziele: Mit Hundeschlitten durchstreiften wir Lappland, durch Südindien reisten wir auf einem Tempelelefanten und auf einer Seekajaktour vor der Pazifikküste British Columbiens suchten wir Killerwale. In Kanada setzte uns ein Wasserflugzeug auf dem Clearwater aus. Der Wildwasserfluss und vor allem das Umtragen der unfahrbaren Katarakte forderte Kraft und Energie. 200 Kilometer ruderten wir durch wildes Bärenland zurück in die Zivilisation. Das war unser Schlüsselerlebnis und uns packte der Biss der Freiheit.

Mein Diabetes war während dieser Zeit nie ein großes Problem. Selbstverständlich musste ich sehr viel öfter messen, als daheim. Ich hatte immer mehr als genügend Insulin und Zuckermessstreifen dabei. Außerdem gewöhnte ich mir an, zu Hause ein „Notfallpaket“ bereit zu stellen, das unsere Kinder im Falle eines Falles hätten nachschicken können.


600 Tage Menschen, Länder, Abenteuer


2004 war unser Schicksalsjahr. Meine Frau kündigte ihren Job als Chefsekretärin, und ich, Elektrotechniker, ließ mich vorerst für drei Jahre beurlauben. Dieser Schritt forderte unseren ganzen Mut. Aber dafür wartete jetzt ein neues unbekanntes Nomadenleben – ohne Sicherheit, ohne Einkommen.
Die Vorbereitungen für unsere erste lange Reise über fast zwei Jahre waren fast die gleichen, wie für eine drei-Wochen-Reise. Wir brauchten von allem nur mehr! Natürlich ließen wir uns gründlich vorher beim Arzt durchchecken.

Endlich war der Tag X da, und wir brachen auf zu „600 Tage Menschen, Länder, Abenteuer“ in entlegene Regionen zu beeindruckenden Kulturen. 

In der Nordmongolei besuchten wir die letzten 30 Familien der Zaatan. Diese Rentiernomaden sind vom Aussterben bedroht und leben in entlegenen Regionen mit und von ihren Rentieren. 

Im Süden der Mongolei trafen wir in der unfruchtbaren Wüste Gobi auf die Wüstennomaden. Unvorstellbar wie einfach sie der menschenfeindlichen Natur trotzen und wie zufrieden sie ihr einsames Leben meistern. 

Im Altaigebirge fanden wir die stolzen Adlerjäger, die dort als Nomaden umherziehen. Mit ihren Adlern jagen sie sogar große Widder. In höchster Geschwindigkeit fliegt der Adler das Tier an und stürzt es in den Abgrund. 

In Nordpakistan bewunderten wir auf dem 3.700-Meter-hohen Shandurpass den furchtlosen Polospieler Sikander beim höchstgelegenen und berühmtesten Polospiel der Welt. Dieses schnelle Spiel um den kleinen Ball, die Ehre und einen Pokal überleben Pferd und Reiter oft nicht.

Wir zogen auf der legendären Seidenstraße nach Nepal zum Mount Everest - Basislager auf 5.364m, wo mich nur 200 Höhenmeter unterhalb des Ziels ein lebensgefährliches Lungenödem zum sofortigen Abstieg zwang.

Auch die dunklen Seiten des Unterwegssein lernten wir kennen. Im Iran waren wir zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein Taxifahrer, vollgepumpt mit Rauschgift, knallte mit über 120 km/h in unser Auto und warf es um. Wir waren schockiert – im Iran ein totes Kind und ein Auto mit den wir wahrscheinlich nicht mehr nach Hause fahren können. Und immer, wenn ich meine fünf Sinne am dringendsten brauche, sacke ich in tief in den Unterzucker. Oft merkt meine Frau vor mir, dass mein Zucker im Keller ist und sie zwingt mich zum Messen ober steckt mir Traubenzucker zu.
Der schreckliche Unfall ging für uns gut aus. Diese Erfahrung lehrt uns, dass es immer weiter geht, auch nach den dunkelsten Stunden. Denn gerade dabei kommen wir den Menschen näher und erhalten immer Hilfe und Unterstützung von allen Seiten.

Nach 75.000 Kilometern, 20 Monaten, 22 Ländern und 17 Reifenpannen kamen wir wieder zu Hause an, beschenkt mit einem Schatz an Erfahrung, überschüttet mit Herzlichkeit und Gastfreundschaft und der Gewissheit, dass ich als Diabetiker nur die Grenzen habe, die mir mein Verstand befiehlt.

Diese Reise war eine Reise ins Ungewisse. Doch entgegen allen Prophezeiungen wollte während der gesamten Zeit niemand etwas Böses von uns oder hat uns gar bedroht - Regierungen können schlecht sein, aber niemals das einfache Volk.


Reise zum Baikalsee

Unsere nächste Reise war das totale Gegenteil Wir wollen ein Jahr in der Einsamkeit vollkommen autark leben. Als moderne Nomaden zogen wir 9.000 Kilometer Richtung Osten immer der Sonne entgegen. Wir starteten das Experiment „Auszeit am Baikalsee – 1 Jahr am Limit in Sibirien“.
Auf einer Reise zu uns selbst suchen wir das einfache, autarke und harte Leben in der sibirischen Taiga am einsamen Nordostufer des Baikalsees. Dort ist eine Existenz nur von und mit dem See als Nahrungsspender möglich. Eine mongolische Jurte aus Filz war unser einziger Schutz gegen Bären, Wölfe und Minus 40 Grad. 

Ein Schiff setzte uns samt Ausrüstung in unserer Enklave irgendwo im Nirgendwo aus. Jetzt waren die Würfel gefallen. Bei der Ankunft erwarteten uns die ersten Braunbären am Ufer. Unser autarkes Leben forderte einen 14-Stunden-Arbeitstag. Lager aufbauen, Garten anlegen, Brot backen, Fische fangen, Beeren und Pilze suchen, Kochen und die vielen, kleinen, überlebensnotwendigen Arbeiten waren äußerst mühsam. Die ungewohnte körperliche, harte Arbeit brachte meinen Zuckerspiegel vollkommen durcheinander. Ich konnte nie genug essen, um nicht ständig im Unterzucker zu sein. Hier half nur noch, ich musste die Abgabemenge meiner Insulinpumpe drastisch drosseln. Trotzdem war es befriedigendes Leben aus eigener Leistung und Arbeit heraus, nur auf unsere Talente gestützt, ohne Luxus und Strom mit der Natur als Nahrungsquelle. Nur ein gigantischer Sternenhimmel, atemberaubende Landschaften, explodierende Frühlingsblumen und edelste Fische aus dem tiefsten und saubersten See der Erde. Im Sommer Wellenrauschen und im Winter kein Laut – Weltraumstille, die nur das Knallen und Pfeifen des Baikaleises durchbrach - Freiheit bis zum Horizont.

Meine Frau flog heim zur Geburt unseres ersten Enkels. Ich meisterte den Winter mit all seinen Gefahren und -40 Grad allein. Anfang März durchbrach ich meine Einsamkeit. Ich wollte die ebenfalls einsamen Meteorologen auf den Wetterstationen der Ushkani Inseln und in Solnetschnaja auf der anderen Baikalseite besuchen. 

Obwohl ich aufgrund meiner Isolation, die Eis-, Wind- und Schneeverhältnisse auf dem Baikal nicht kannte, brach ich auf Skiern, mit Rucksack und einer kleinen Kiste, umgebaut zu einem Sulky, auf. Durch riesige Brucheisfelder schaffte ich total erschöpft, aber glücklich die Baikalüberquerung. Nach 130 Kilometern und 12 Tagen war das letzte große Ziel dieses spannenden Jahres erreicht. Geblieben ist das Gefühl von Freiheit und Verlorenheit in der großen Weite und das Wissen, im Alleinsein mit dem Wenigen zurecht zu kommen sowie das Leben zu nehmen, egal wie’s kommt. Aber es sind die stillen Momente, die sich ganz tief in die Seele eingraben: Der leuchtende Sternenhimmel, das klare Wasser, die frische Luft.

Wir wollen Mut machen, deshalb geben wir diese tiefen Erfahrungen und Erlebnisse in Vorträgen weiter. So erreichen wir die Menschen und können interessant, spannend und live über ein selbstverwirklichtes Leben berichten. Es fordert unerschütterlichen Glauben an sich selbst, Organisationstalent, Durchhaltevermögen, Mut und Ideen. Aber es beschenkt mit Selbstsicherheit, Stolz, Zufriedenheit und bestätigt, dass weniger mehr ist! 

Über unser Jahr am Baikalsee habe ich das Buch „Auszeit am Baikalsee – 1 Jahr am Limit“ geschrieben, das über unsere Website www.hwbeck.de , übers Internet oder im Buchhandel erhältlich ist.

Seit ca. 20 Monaten sind wir in Afrika, wieder mit unserem Toyota Landcruiser, unterwegs. Ein spannender Kontinent, den wir auch nach so langer Zeit nicht verstehen können. Vielleicht gerade deswegen fasziniert und fesselt er uns.


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