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Insulinpumpenschulung in Asien

24. Juni 2014 | Menschen & Mediq

Mit Ulrike Thurm um die Welt:

Ulrike Thurm, Diabetesberaterin DDG und Mitautorin der CGM- und Insulinpumpenfibel sowie der Diabetes- und Sportfibel berichtet von Ihren Erlebnissen rund um das Thema Diabetes.

Wo Handy und Insulinpumpe um die Wette piepsen

Da ich „in Sachen Diabetes und Insulinpumpe“ viel unterwegs bin, werde ich oft gefragt, wie die Situation von Menschen mit Diabetes in anderen Ländern ist. Natürlich gibt es da jede Menge zu berichten, aber ein ganz besonders intensives Erlebnis war meine Insulinpumpenschulung in Honkong. Auch wenn dies jetzt schon über 15 Jahre her ist, erinnere ich mich gern an diese wirklich außergewöhnliche Woche. Als langjährige Pumpentrainerin hatte ich jede Menge Erfahrung und ein funktionierendes Schulungsprogramm. Doch je näher das Abreisedatum rückte, desto größer wurde meine Aufregung. Kulturelle Unterschiede, eine völlig fremde Sprache, die Ungewissheit, wie mit dem Thema Diabetes dort umgegangen wird und überhaupt, würde ich als Europäerin überhaupt akzeptiert werden? 

Als ich samstagmorgens  im Krankenhaus ankam,  lernte ich  Dr. Juliana Chan, die leitende Oberärztin der diabetologischen  Abteilung, und Rebecca Wong, die dortige Diabetesberaterin, kennen. Die beiden wollten die gesamte Woche hospitieren, um anschließend die Betreuung der Pumpenpatienten und die weitere Verbreitung der Insulinpumpen-Therapie in Hongkong zu übernehmen. Mit ihnen verstand ich mich von der ersten Sekunde an blendend. Doch eine kurze Einführung in die asiatische Arbeitsmentalität dämpfte meine Euphorie: 

Die Hongkong-Chinesen haben ganze 10 Tage Urlaub im Jahr, das hieß, für die Schulung ginge die Hälfte ihres Jahresurlaubs drauf. Krankschreiben ist so gut wie unmöglich, jede krankheitsbedingte Fehlstunde bringt Minuspunkte beim Arbeitgeber. Krank wird man in diesem von finanzieller Effizienz diktierten Land nicht, Überstunden werden nicht bezahlt, Freizeitausgleich ist für die Chinesen ein Fremdwort. Kein Angestellter verlässt vor seinem Chef den Arbeitsplatz, selbst wenn er dann 12 oder mehr Stunden im Dienst sein sollte. Nun gut, diese Arbeitsmoral in allen Ehren, aber wann und wie sollte ich dann die Patienten schulen – von 22 Uhr bis Mitternacht? Und noch eine Überraschung: Anstatt der maximal vorgesehenen 5 Kandidaten hatten sich 10 Teilnehmer zum Pumpenschulungs-Programm eingefunden.  Also musste ich noch mehr Zeit für individuelle Gespräche und Therapieanpassungen einplanen.

Die Insulinpumpenfibel in chinesischen Schriftzeichen

Aber so leicht gebe ich nicht auf. Wir entwarfen ein extrem verkürztes Notprogramm und verlegten viel Schulungszeit auf die Abendstunden und das Wochenende. Ich bekam einen kurzen Einblick in die Krankengeschichte der Anwesenden. In aller Eile haben wir noch ein Pumpentagebuch und einige Abschnitte aus meiner „Insulinpumpenfibel“ ins Chinesische übersetzt – die fast künstlerisch anmutenden Schriftzeichen sahen für mich ziemlich merkwürdig aus. So gerüstet betrat ich den Schulungsraum. Es war sehr ruhig und alle Augenpaare musterten mich kritisch, als Juliana mich ihren Patienten vorstellte. Nun ging es also los! 

Mit Hilfe von Julianas und Rebeccas Dolmetscherkünsten waren die befürchteten Sprachbarrieren schnell überwunden und die  Verständigung in Englisch kaum noch ein Problem. Viele Fragen wurden diskutiert. 

Die Gründe der Patienten, sich für eine Insulinpumpe zu entscheiden, waren mir nicht neu: Zwei Patientinnen planten eine Schwangerschaft, drei klagten über häufige nächtliche Hypoglykämien, zwei wollten deutlich mehr Flexibilität im Alltag (ein Patient arbeitete im Schichtdienst, eine andere Patientin war sportlich sehr aktiv), zwei wollten einfach das Optimum der heutigen Insulintherapie ausprobieren. Allen gemein war das Ziel ihre aktuelle Stoffwechsellage zu verbessern, ohne dabei mehr Hypoglykämien in Kauf zu nehmen. Vor allem wollten sie kontinuierlich konstante Blutzuckerwerte erreichen und dabei die eigene Lebensqualität steigern.
 
Zwei Teilnehmer mussten wir ausschließen, weil sie nicht bereit waren, ihren Blutzucker häufiger als zweimal pro Woche zu testen. Das aber ist mit einer Insulinpumpen-Therapie nicht zu vereinbaren. Im Anschluss erhielten alle Schulungsteilnehmer ihre Insulinpumpe mit einer chinesischen Gebrauchsanleitung. So konnten sie sich bis zum kommenden Donnerstag schon einmal mit der Bedienung und Handhabung des Gerätes vertraut machen.

Ein Handy zu viel

Am Donnerstagnachmittag erschienen alle acht verbliebenen Teilnehmer. Ich hatte in der Zwischenzeit auch meine Hausaufgaben gemacht und nach den Angaben der Patienten bezüglich ihrer aktuellen Diabetestherapie (Menge an Verzögerungs- und Normalinsulin, BE-Angaben, HbA1C-Werte, Anzahl der Hypoglykämien) versucht, eine anfängliche Basalrate individuell zusammenzubasteln. Wir besprachen diese in der Gruppe mit jedem Patienten, so dass alle einen Einblick davon bekommen konnten, aus welchen Faktoren sich eine Basalrate zusammensetzt.

Um eventuelle Hemmschwellen beim ersten gemeinsamen Katheterlegen abzufangen, begann ich mit Juliana: Sie und Rebecca wollten die Pumpe ebenfalls für die Dauer der Schulung tragen (natürlich nur mit Kochsalzlösung), um sie kennenzulernen. 

HongkongJuliana machte ihre Sache sehr gut: Unter großem Interesse der angehenden Pumpenträger bereitete sie alles vor, wusch sich die Hände, desinfizierte das entsprechende Hautareal und versenkte dann den Katheter im Fettgewebe unter der Haut. Jetzt ergab sich allerdings das Problem, mit dem ich im europäischen Raum noch nie konfrontiert wurde: Wo sollte nur die Pumpe hin? Juliana hatte sich entschlossen, diese am Gürtel zu tragen. Wo ist denn das Problem, werden jetzt die Pumpenträger denken? Die Antwort ist die Hongkonger Telefonsucht. Jeder der Anwesenden besaß mindestens ein Mobiltelefon und einen weiteren Pieper – alles am Gürtel befestigt. Juliana, die Oberärztin, trug neben diesen beiden privaten Kommunikationsgeräten noch einen Dienstfunk und ein Diensthandy. Dazwischen musste nun die Pumpe platziert werden. Ich fragte mich, ob man überhaupt die vielen unterschiedlichen Piepstöne, die von der Gürtellinie erklangen, unterscheiden konnte? Und tatsächlich, Juliana griff wirklich im Laufe dieser Woche einmal, als das Handy klingelte, zur Pumpe (als damit keine Verbindung herzustellen war, griff sie unter großem Gelächter zur richtigen Sprechmaschine…).

Nachdem alle Pumpenträger erfolgreich ihren ersten Katheter gelegt hatten, die Basalrate lief und die Insulin-zu-Kohlenhydrat-Verhältnisse abgestimmt waren, verging die Woche wie im Flug. Die Truppe entwickelte sich zu einer phantastischen Einheit. Mit Spannung und großem Interesse wurden mehrmals täglich die Blutzuckerverläufe aller Teilnehmer an die Tafel geschrieben und heftig diskutiert: Wann, in welchem Maße und für welchen Zeitraum eine jeweilige Basalrate zu verändern war, wie die Mahlzeitenschlüssel variiert werden mussten. In den letzten Tagen waren Juliana und ich zur Dosisanpassung eigentlich überflüssig, die Patienten hatten das völlig eigenständig im Griff. Es war faszinierend mit anzusehen, mit welchem Enthusiasmus die anfänglich eher schüchternen und zurückhaltenden Chinesen alle Therapiemaßnahmen heftigst diskutierten – und ihre individuelle Therapie letztlich perfekt verstanden.

Ein voller Erfolg

Ich werde nie die Freude und das Leuchten in den Augen der acht Chinesinnen und Chinesen vergessen, mit der sie die neue Freiheit und Flexibilität genossen. Am letzten Abend luden sie mich zum Abschied zu einem gemeinsamen Abendessen ein – keiner hatte mehr Probleme bei der Dosisanpassung für das wundervolle Buffet. Doch unter großem Gelächter wollten alle eine weitere Antwort auf die Frage: „Nenne Ursachen für eine Unterzuckerung“ hinzufügen: Essen mit Stäbchen bei Europäerinnen. Ich habe sie mit meinem Umgang mit ihrem Essbesteck maßlos erheitert. 

Auch danach hielt mich Juliana regelmäßig per E-Mail über den weiteren Verlauf des Therapieerfolgs bei diesen ersten acht asiatischen Pumpenträgern auf dem Laufenden. Die Blutzucker-Langzeitwerte (HbA1C) hatten sich bei allen deutlich verbessert, ohne dass auch nur einer aus der Gruppe eine schwere Unterzuckerung gehabt hätte. Alle wollten die Pumpe behalten, obwohl sie die Katheter, Insulinampullen, Batterien, Pflaster, Tragetaschen und Gewindestangen – halt das ganze Zubehörmaterial – selbst bezahlen mussten. 

Meiner Meinung nach kann es keinen besseren Beleg für die Vorzüge dieser Therapieform geben als diese finanziellen Zugeständnisse in einem Land, in dem Geld alles ist. Aber für diese chinesischen Patienten hatte sich bereits im Laufe der ersten drei Monate ihrer Pumpentherapie gezeigt, dass die dadurch erreichte Stoffwechsel- und Lebensqualität mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist.


Hongkong

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