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Kind sein. Trotz Diabetes. Eine tolle Idee.

5. Januar 2015 | Menschen & Mediq

IM INTERVIEW: EINE DIANIÑO NANNY

Kind sein. Trotz Diabetes. Eine tolle Idee.

Es gibt Momente, die das Leben einer Familie auf einen Schlag für immer verändern. So ein Moment ist die Diagnose Diabetes. Nichts ist mehr, wie es war, die ganze Familie muss sich umstellen. Nach dem Schock kommt oft die Angst, dann die Überforderung.

Ingrid Binder, selbst betroffene Mutter, kennt das Gefühl und weiß, wie wertvoll die Unterstützung in solchen Momenten ist. Aus diesem Grund hat sie 2004 die Stiftung Dianiño gegründet, eine Stiftung mit einem deutschlandweit verfügbaren Nanny-Netzwerk. Die Nannies sind Kinderkrankenschwestern, Diabetesberaterinnen oder erfahrene Mütter, die vielfältige Erfahrung mit Kindern mit Diabetes haben. Ihre Arbeit ist ehrenamtlich und befasst sich mit der Gesamtsituation der Familie. Die Nannies stehen telefonisch oder persönlich der Familie zur Seite wenn Notfälle, Krisen, Unsicherheiten und Sorgen die Versorgung und Betreuung des Kindes beeinträchtigen. Sie geben konkrete Tipps und helfen den beschwerlichen Weg zurück in den Alltag zu finden, mit dem Ziel, das Familienleben mit und trotz dieser Diagnose alleine meistern zu können.

Silvia Werner ist eine der Diabetes-Nannies im Großraum Dresden. Trotz ihres vollen Kalenders hat sie Zeit gefunden über ihre eigenen Erfahrungen und ihr Engagement zu berichten:

Frau Werner, wie sind Sie denn zur Stiftung Dianiño gekommen?

Mein Sohn hat seit seinem vierten Lebensjahr, jetzt seit fast 11 Jahren, Diabetes. Vor etwa 5 Jahren hat mich seine Diabetologin an der Uniklinik Dresden über die Arbeit der Stiftung informiert. Da wir alles sehr gut im Griff hatten, fragte sie mich, ob ich Lust hätte, meine Erfahrungen mit anderen betroffenen Familien zu teilen.

Über die medizinische Versorgung hinaus sind die Möglichkeiten der Ärzte und Schwestern zu helfen, leider sehr begrenzt. Daher verweisen gerade die Kliniken gerne an jemanden, der praktische Erfahrungen hat.

Ich fand die Idee toll. Als Mutter wusste ich ja, was für ein Schock die Diagnose Diabetes ist und was für Probleme auf einen zukommen: Das Leben wird komplett auf den Kopf gestellt. Man ist hilflos und verängstigt und weiß nicht an wen man sich wenden soll, um Hilfe zu bekommen. Das Verständnis, zum Beispiel im Kindergarten, in der Schule oder der eigenen Familie ist oftmals beschränkt. Und trotzdem muss man sein Leben weiter bestreiten, zur Arbeit gehen und Kinder auch eigene Wege gehen lassen. Eltern müssen im Alltag oft die Kinder in fremde Hände geben und wenn man da Angst hat, ist das eine enorme Belastung.


Wie haben Sie diese Situation bewältigt?

Gerade am Anfang war es sehr schwierig. Mit einem guten Familienverband ist es aber machbar.

Wir haben nach Informationen gesucht, haben uns ausgetauscht und gegenseitig unterstützt und mein Mann und ich haben dann im Kindergarten und in den Schulen unseres Sohnes die Erzieher und Lehrer selber geschult. Solange mein Sohn das wollte, bin ich auch bei verschiedenen Veranstaltungen und Fahrten dabei gewesen. Er wusste, ich bin jederzeit für ihn da. So konnte er natürlich und ohne Ängste aufwachsen und einfach ein Kind sein. Durch Offenheit und den sicheren Umgang mit Diabetes konnten wir viele Probleme, auch die Ablehnung gegenüber Diabetes und der nötigen Behandlung, zu der es in der Pubertät häufig kommt, umgehen. Seit ungefähr 1,5 Jahren übernimmt er die Verantwortung für seinen Diabetes meist komplett selber.


Das klingt sehr zeitaufwändig und kompliziert. Wie können die betroffenen Familien von der Stiftung Dianiño Hilfe bekommen?

Viele Eltern und Kinder sind völlig überfordert. Deswegen finde ich es gut und sehr wichtig, dass man von Dianiño bundesweit Unterstützung bekommen kann. Diese ist völlig kostenlos, egal wie lange und wie oft sie in Anspruch genommen wird. Es müssen auch keine Formulare ausgefüllt werden. Wer Hilfe braucht, wendet sich einfach an den betreuenden Kinderarzt oder Diabetologen, der dann die Stiftung kontaktiert und den Einsatz abspricht. Daraufhin schaltet Frau Binder eine Nanny vor Ort ein. Häufig kommt es schon wenige Stunden nach der Hilfsanfrage zum Direktkontakt zwischen Nanny und Familie.


Wie sieht so ein Nanny-Einsatz aus?

Mit dem Arzt und der Stiftung wird zuerst der Fall besprochen und der Hilfebedarf festgelegt. Danach lerne ich als Nanny bei einem Hausbesuch die Familie persönlich kennen und wir entscheiden gemeinsam welche Art von Unterstützung sie von mir brauchen.

Manche Einsätze finden sofort nach der Erstdiagnose und der Krankenhausentlassung des Kindes statt, wenn alles neu ist und neben Informationen auch viel Zuspruch, Verständnis und Motivation benötigt werden.

Bei manchen klappt es Zuhause ganz gut, aber das Kind kommt in die Kinderkrippe, Kindergarten oder Schule. Auch ein Heimkind brauchte mehrfach meine Unterstützung. Die Menschen in der Umgebung des Kindes müssen unbedingt informiert und aufgeklärt werden, damit sie im Bedarfsfall angemessen und schnell reagieren können. Das kann Leben retten!

Bei Bedarf übernehmen die Nannies der Stiftung Dianiño in einem Workshop die Schulung der Erzieher und der Lehrer. Es ist auch sehr hilfreich, wenn die anderen Kinder informiert werden. Nur so kann sich das Kind sicher und wohl fühlen.

Jeder Einsatz wird dokumentiert damit der behandelnde Arzt und die Stiftung jederzeit informiert sind.


Wie reagieren die Leute auf Sie?

Die Eltern sind sehr offen und auch erleichtert und dankbar dafür, dass sie nicht mehr alleine sind.

Die Erzieher und Lehrer sind zuerst skeptisch und wissen nicht, was sie erwartet. Trotz großer und leider immer schneller steigende Anzahl an Kindern mit Diabetes, haben viele noch nie Verantwortung für so ein Kind übernehmen müssen. Im Laufe des Gespräches werden sie dann aber lockerer, sehr aufgeschlossen und stellen viele Fragen.


Wie viele Fälle hatten Sie ungefähr in den 5 Jahren, seit Sie als Dianiño Nanny tätig sind? 

Im ersten Jahr geht man erst mal zu verschiedenen Schulungen und man lernt verschiedene Ärzte persönlich kennen, um die spätere gemeinsame Arbeit besser zu gestalten.

Insgesamt waren es bislang ca. 20 Fälle. Dazu muss ich sagen, dass es auch wiederkehrende Fälle gibt, zum Beispiel wenn ein Kind vom Kindergarten zur Schule wechselt und dann teilweise über Wochen betreut wird. Mit manchen Kindern und Familien bin ich jahrelang in Kontakt.


Sie arbeiten in Vollzeit und haben eine Familie. Mussten Sie schon Fälle ablehnen?

Nein, ich persönlich habe das noch nie gemacht. Es ist zwar eine Frage des Zeitmanagements und manchmal lässt man etwas Privates liegen, aber man muss für sich entscheiden, was in dem Moment wichtiger ist. Manchmal trifft man die Familie am Wochenende oder bekommt einen Anruf während man im Urlaub ist, aber wenn ein Fall rein kommt, versuche ich ganz zeitnah bei den Eltern zu sein. Ich kann ja nicht einfach sagen, ich komme dann in einem halben Jahr vorbei.

Wichtig ist dabei auch Verständnis der eigenen Familie. Mein Mann unterstützt mich und mein Sohn findet es super, dass ich den anderen Kindern helfe. Er weiß ja, wie ich michfür ihn stark gemacht habe. Mir ist mein Engagement sehr wichtig und gleichzeitig macht es mir großen Spaß, auch wenn es manchmal sehr emotional ist. So wie für andere ein Hobby zu haben, ist für mich Dianiño Nanny zu sein etwas für die Seele!


Vielen Dank für die ausführlichen Informationen und weiterhin viel Kraft und Energie für ihr Engagement!

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