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CGM = charmante glückliche Mutti

9. März 2015 | Menschen & Mediq

CGM = charmante glückliche Mutti

Ich bin 45 Jahre alt, habe seit fast 25 Jahren meinen Typ-1-Diabetes und behandele diesen seit 20 Jahren mit einer Insulinpumpentherapie. Nach so vielen Diabetesjahren habe ich das Gefühl für die Höhe meiner Blutzuckerwerte verloren. Unterzuckerungen merke ich erst bei Seh- und Bewusstseinsstörungen, dann liegt der Blutzuckerwert meist schon bei ca. 35 mg/dl. Überzuckerungen messe ich nachts erst, wenn ich wach werde, weil ich zur Toilette gehen muss.
Schlafstörungen, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, eingeschränkte Leistungsfähigkeit und schlechte Laune infolge misslungener Dosisanpassung trüben meine Lebenslust und belasten meine Familie.
Die ewige Blutzucker-Messerei mit bis zu zwanzig! Tests pro Tag, tags wie nachts bei der kleinsten Unregelmäßigkeit im Tagesablauf, ist ziemlich nervtötend.

Sogenannte „Unregelmäßigkeiten“ ergeben sich durch sportliche Aktivität, denn wer macht schon jeden Tag denselben Sport in gleicher Intensität unter gleichen Bedingungen zur selben Zeit, durch Fortbildungstage mit langen Autofahrten, Krankheit eines Familienmitgliedes oder technische Störungen der Insulinpumpentherapie wie z. B. einem Katheterverschluss. Auch Einladungen am Abend mit verschobener Essenszeit oder Alkoholgenuss… das Leben ist vielfältig und sollte es auch mit einem Typ- 1-Diabetes bleiben dürfen. Am schlimmsten empfinde ich es, wenn ich meiner Familie ein leckeres Abendessen vorbereite und dann selber nicht mitessen kann, weil die Blutzuckerschwankungen und Essenszeiten nicht zusammen passen. Als ich im Sommer 2013 eine Familiengruppe bei einer Tageswanderung geleitet habe, wusste zwar jeder von meinem Diabetes, aber eine ordentliche Hypoglykämie, lang und tief wegen der leeren Zuckerspeicher der Muskeln, war dennoch unangenehm für mich als Leiterin von elf anderen Menschen, die weiter wandern wollten. 

Dann im Spätsommer 2013 der Planungsgau für eine erfolgreiche Therapieanpassung: eine Unterzuckerung am Vorabend, die darauf folgende Gegenregulation in der Nacht, am Morgen zwei Stunden Autofahrt zum Steinbruch und keine Ahnung wie anstrengend und wie lange Steinplattenspalten auf der Suche nach Fossilien werden würde.

Sonnenschutz, Butterbrote und Getränke nebst Werkzeug und Transportboxen für unsere zu „erwartenden Fund-Schätze“ mussten erst mal vom Auto bis in den Steinbruch getragen werden. Der Blutzuckertest zuvor in der noch staubfreien Zone ergab 120 mg/dl. Punktlandung. Also spritzte ich eine der beiden verzehrten BE’s mit 2:1 ab, in der Annahme, dass Steinplattenspalten im Hocken ähnlich wie Unkrautzupfen nicht soooo viel Muskelarbeit bedeuten würden. Nach zwei Stunden Begeisterung über „steinzeitliche Glitzerkacke“ war ein staubfreies Blutzuckermessen nicht mehr möglich. Die Knochen schmerzten und der Hunger war groß! Also wählte ich den Mittelweg der Dosisabschätzung: drei statt üblicherweise sechs Insulineinheiten für drei BE. Und das war noch zu viel Insulin für diese unterschätzte Anstrengung! Tja, auch Alltagsaktivitäten dürfen niemals bagatellisiert werden, also: Zwei Not-BE und Abbruch der Fossilien Suche! Danach dann endlich Händewaschen im 1,5 km entfernten Toilettenhäuschen und Blutzuckermessen. Dann sechs Einheiten Insulin für wohlverdiente drei BE. Für den Rest des Tages war endlich alles in Balance – wurde auch Zeit, denn nichts ist im Alltag belastender und anstrengender, als ein permanentes „Blutzucker–Achterbahn-fahren“. Was für eine elegante Lösung wäre ein Glukose-Monitoring an diesem Tag gewesen!


DIE WENDE

Im Oktober 2013 hatte ich eine Woche die Gelegenheit ein kontinuierliches Messsystem für den Gewebezucker (kurz CGM) Probe zu tragen. Ich fuhr ziemlich kurzfristig nach München, musste mir genauso kurzfristig eine Kinderbetreuung organisieren und dann ...
Sieben Menschen mit langjährigem Diabetes, die relativ neue technische Hilfsmittel ausprobieren, sind wie Sportler: neugierig, hartnäckig, gewissenhaft, aufgeschlossen sowie sympathisch. Wir stellten sehr gezielte Fragen z. B. „wie zuverlässig ist dieses System bei dem großen Aufwand und den hohen Kosten?“. Die Referentinnen Rosalie Lohr und Ulrike Thurm trugen zur netten, zügigen Informationsvermittlung bei. Keine Stunde nach Beginn hatten wir alle den Sensor, an Oberarmstreckseite, oberem Brustbereich, Oberbauch oder Unterbauch sitzen. Ausführliche Schulung - kurzer Sinn: eine perfekte Kalibrierung ist die Grundvoraussetzung für die korrekten Glukosekurven! In den ersten drei Tagen nur gucken und vergleichen! Therapieanpassung darf nur nach einer Blutzuckermessung erfolgen! So bin ich nach Hause …

Gleich in der ersten Nacht kamen die ersten Erkenntnisse, weil ich alle Nase lang vom Niedrigalarm geweckt wurde! Die Entscheidung hieß nach Blutzuckerüberprüfung schnelle BE in Form von Dextrose einnehmen und Basalrate senken. Dann stündliche Umprogrammierung am nächsten Tag. Die nächste Nacht war nicht viel besser. So ging das fast eine Woche lang. Die nächtlichen Unterzuckerungen hatte ich früher überhaupt nicht gemerkt und mit sporadischem Weckerstellen auf 2 Uhr ganz selten entlarvt! So erreichte ich nicht nur die Absenkung der Basalrate sondern auch mit dem Blick auf den CGM-Monitor nach einem Bolus eine ausgesprochen ausgeglichene Blutzuckerlage.
Früher hatte ich maximal zum Frühstück einen Bolus-Ess-Abstand von 15 Minuten eingehalten. Bei einem Blutzucker von über 200 mg/dl hatte ich sowieso nie gegessen. Jetzt erstaunte mich aber, dass, egal zu welcher Tageszeit und bei welchem Ausgangsblutzucker, der Bolus erst nach ca. 25 Minuten anfängt, meinen Blutzucker abzusenken. Im CGM erscheint dieser, da es sich um Gewebe- und nicht Blutzuckerwerte handelt, nochmals mit einer entsprechenden Zeitverzögerung!
Ich benutze ein Analoginsulin in der Insulinpumpe, trotzdem ist auch damit eine Mahlzeit ohne entsprechenden Spritz–Ess–Abstand nicht möglich, wenn ich deutliche Blutzuckerspitzen vermeiden möchte! Da sich Kaffeepausen im Job als Ärztin nicht planen lassen, nasche ich daher wenig bis kaum zwischen durch. Lieber ein ausreichendes Frühstück am Morgen vor 8 Uhr und die Mittagspause nach 12 Uhr abwarten. Die magengrummelnden und an meiner Disziplin nagenden 15 Minuten Spritz-Ess-Abstand am Mittag überbrücke ich mit Milchkaffee und Tagespost bearbeiten.


WAS DAS CGM-SYSTEM NOCH SO KANN – DAS DING MIT DEM TREND!

Bei meiner Lieblingsbeschäftigung seit gut 30 Jahren, dem Wald- und Wiesenlaufen, möchte ich das CGM nicht mehr missen! Mit einer Halbierung des Frühstücksbolus, einer halben Stunde Pause zwischen Frühstück und Loslaufen für ungefähr 8 km in 45 Minuten, gelingt mir oft das Kunststück, den Blut- und Gewebezucker während und nach dem Joggen beinahe horizontal zu halten! Wow!


Wie anstrengend ist Skifahren?

Liftfahren und Einkehrschwung wohl eher weniger. Beim Buckelpisten und Kurzschwünge fahren, korreliert der Schmerz in den Oberschenkeln eindeutig mit dem Kohlenhydratverbrauch. Den ganzen Tag an der frischen winterlichen Luft würde ich über eine Basalratenreduktion um 10 bis 20 Prozent regeln und zusätzlich über eine starke Reduktion des Mahlzeitenbolus.
Ob und wie mein Kind Ski fährt und vor allem wie lange, das war die große Unbekannte in meiner Schätzrechnung.
Zunächst hatte ich normal gefrühstückt, die Basalrate belassen. In zwei Stunden sollte es losgehen. Noch 1 BE Apfelsaft eingeschoben, sollte reichen. Denn Liftfahren, auf der Piste herum stehen und ein bisschen Druck über die Fußsohlen auf die Skier verteilen, sind für mich nicht anstrengender als auf hohen Schuhen zu laufen. Doch der Blick auf das CGM nach einer Stunde Pistenrutschen erstaunte mich: 160 mg/dl, Trendpfeil hoch, später 240 mg/dl steil hoch.

Warum? Wie sollte ich bei dieser eisigen Kälte den Blutzucker testen? Oder den Katheter am Unterbauch begutachten? Alle Funktionswäscheschichten freilegen? Och, nö … Eigentlich konnte es nur am Katheter liegen, also zurück ins Hotelzimmer. Blutketonmessung negativ. Mit neu gelegten Katheter und Korrekturbolus zeigte das CGM nach einer Stunde 170 mg/dl mit leichtem Abwärtstrend an. Grüner Bereich, weiterfahren.
Doch dann passierte nachmittags das Gleiche. Vom Skifahren zurück konnte ich gleich bei der Entdeckung des blutigen Katheterschlauchs am Bauch reagieren. Ursächlich vermutete ich beide Male die Injektionsstelle am Bauch: das „Geknubbel“ von Funktionswäsche unter der Skihose muss die Katheternadel im Speckröllchen beim Skischuhanziehen und im er wieder tiefen Bücken, um meinem Kind die Skier anzuziehen, beeinträchtigt haben. Mit Legen der Kanüle am Flankenspeck ließ sich diese Fehlerquelle beseitigen.
Ohne Trendpfeil hätte ich den höheren Zucker gar nicht gemerkt! Supersache, der Trendpfeil. Am nächsten Tag sollte es gelingen: mein Kind war in der Skischule und mir gehörte der Skitag, die Piste und der Zuckerverlauf auch! Jippiehjeah. Ach wie schön entspannend zwischendurch mal kurz auf den externen Monitor in meiner Jackentasche zu sehen. Ein schöner Skitag!

Das CGM-System gibt mir Sicherheit bei Aktivitäten wie Skifahren und in zum Blutzuckermessen ungünstigen Wettersituationen. Es bedeutet eine ungeheure Erleichterung und Unterstützung in der Therapieanpassung. Es ersetzt mir allerdings nicht das Blutzuckertesten. Für mich bedeutet „CGM“: clever glänzende Messwerte und für meinen Mann und Kind: charmante glückliche Mutti!

Dr. med. Felicitas Spitzer

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