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Afrika hautnah - Zwei Grenzgänger, Diabetes und ein Kontinent

12. Januar 2015 | Menschen & Mediq

Afrika hautnah - Zwei Grenzgänger, Diabetes und ein Kontinent


Drei Ereignisse, die meine Welt veränderten:

Das erste ereignete sich vor 35 Jahren, als ich meine Frau Heti heiratete. Ohne sie wäre so ein turbulentes Leben nicht möglich gewesen. Beinahe 15 Jahre unseres Lebens waren wir als moderne Nomaden unterwegs, anfangs noch mit unseren beiden Kindern.

Das zweite Ereignis war nicht so schön wie der Hochzeitstag und warf meine Welt aus den Angeln. Vor 33 Jahren diagnostizierten die Ärzte bei mir Diabetes und machten mir unmissverständlich klar, dass mein Leben ab sofort nach eisernen Regeln verlaufen muss. Sport oder gar Reisen waren damals für die Doktoren ein rotes Tuch.

Das dritte Ereignis forderte unseren ganzen Mut: Während andere um ihren Arbeitsplatz froh waren, haben wir vor 10 Jahren unsere guten Jobs als Chefsekretärin und Fertigungsplaner gekündigt. Vor allem mit einer Familie ist der konsequente Schritt von der bequemen Sicherheit zum Aufbruch ins Abenteuer eine existenzielle Entscheidung mit offenem Ende. Mit unseren Toyota Land Cruiser sind wir zu einer Weltreise aufgebrochen. 

Zuerst trieb uns die Neugierde mehrere Jahre über die legendäre Seidenstraße nach Asien, dann gingen wir auf eine Reise zu uns selbst und verbrachten ein einsames Jahr zwischen -40 °C und +40 °C am menschenleeren Baikalsee, wo eine mongolische Filzjurte unser einziger Schutz vor Kälte, Bären und Wölfen war. Danach zogen wir mit unserem Toyota Land Cruiser weiter nach Afrika. 

Obwohl wir schon bei der Anreise im Iran wegen Spionageverdachts kurzzeitig verhaftet wurden (ich fotografierte unbedarft einen Sonnenuntergang), durchstreiften wir zwei Jahre diesen faszinierenden Erdteil, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und außergewöhnlichen Erfahrungen. Wir sahen unglaubliche Landschaften und erlebten absolute Einsamkeit. Immer dort, wo Andere geradeaus fuhren, bogen wir zweimal rechts ab. So erlebten wir Momente des größten Glücks, aber auch Schicksale, die uns frustrierten - weit mehr als das altbekannte Afrikabild versprach. Hier nur ein paar Episoden aus unserer außergewöhnlichen Tour durch den schwarzen Kontinent:


Sudan – zwischen den Fronten Nord- und Südsudans

Eigentlich wollten wir nur mit eigenen Augen sehen, was aus den Nuba geworden ist, einem Stamm, den die Fotografin Leni Riefenstahl in den 70er Jahren entdeckte und durch ihre Fotos berühmt gemacht hatte. Die Nuba sitzen im Grenzgebiet der neuen Staaten Nordsudan und Südsudan zwischen allen Stühlen. Wegen ihres christlichen Glaubens und dem Öl auf ihrem Land werden sie verfolgt, getötet und bis heute versklavt. In Karthum kann sich jeder einen Sklaven für ein paar lumpige Dollar kaufen. 


Dschibuti – im Vorhof der Hölle

Die „Danakil-Depression“ ist der unwirtlichste und menschenfeindlichste Ort ganz Afrikas. Hier bilden Stein, Sand, Lava und alte Sinterschlote eine skurrile Welt. Es scheint, als wäre ein Stück Mond auf die Erde gefallen. Das wollten wir mit eigenen Augen sehen, obwohl wir gar nicht genau wussten, wie und ob dieser Ort mit unserem Land Cruiser überhaupt erreichbar ist. Denn diese Gegend ist so erdfremd, dass der Film „Planet der Affen“ hier gedreht wurde.

Doch ausgerechnet in dieser abgelegenen Lavawüste streikte unser Land Cruiser – die Allradzuschaltung klemmte. Das Gelände ist zu steil und ohne Vierradantrieb nicht befahrbar, deshalb wollten wir die letzten Kilometer laufen. Mit Verpflegung und mit 4,5l Wasser im Rucksack machten wir uns morgens auf den Weg, ohne zu bedenken, dass am Hitzepol der Erde die Temperaturen mittags auf 60 °C steigen, und jedes Lebewesen in kürzester Zeit dehydriert. 

Wir schwitzten in der gnadenlosen Sonne, verloren zu viel Körperflüssigkeit und das Trinkwasser ging zu Ende. Obwohl Herta reichlich trank, wurde ihr Zustand immer schlimmer. Wir traten lieber den Rückweg an, denn unser Wasser wurde knapp. Heti war speiübel, sie konnte kaum noch gehen, wollte nichts mehr trinken und verweigerte sogar Traubenzucker. Zu all dem Übel waren wir mitten in einer weiten Ebene sehr weit vom nächsten Schatten entfernt. An diesem Tag hasste ich unseren Planeten. Ich machte mir Sorgen, dass Heti einen Hitzschlag hatte.

Eine Afar-Frau rettete uns mit ein wenig Wasser vor dem Verdursten, in ihrem Zelt fanden wir etwas Schatten, Ruhe und Erholung. Nachmittags setzen wir unseren Weg fort und erreichten endlich das ersehnte Auto. Das Thermostat zeigte 60°C an.  Zudem hat der extreme Schweiß den Silikonkatheter meiner Insulinpumpe herausgeschwemmt, und auf unserem Fußmarsch hatte ich keinen Ersatz dabei. An diesem Tag habe ich den höchsten Zuckerwert in meiner Diabetes-Karriere gemessen.


DR Kongo – ein außergewöhnliches Geschenk als Reiseproviant

Da der kriegsgeschüttelte Kongo ein Land mit nur noch wenigen, befahrbaren Straßen ist, machten wir uns im Kongobecken mit Flugzeug und Einbaum auf die Suche nach den sehr scheuen Urwaldpygmäen. Dabei wurden wir von einem Bantustamm als Missionare empfangen, der uns zum Abschied ihre größte Delikatesse als Reiseproviant schenkt: eine lebende Fledermaus. 

Immer tiefer mussten wir in den Dschungel vordringen, weil die friedlichen Pygmäen sich mehr und mehr in den unzugänglichen Urwald zurückziehen. Sie haben vor den hier herrschenden Bantu Angst, denn die versklaven oder töten sie gar, wenn sie den Holzfällern nicht schnell genug Platz machen. Mit Glück entdeckten wir die kleinen Menschen dann doch noch, die mir nur bis zum Bauchnabel reichten. In der Naturmedizin sind die Pygmäen Meister und wissen genau, welches Kraut wofür oder wogegen gewachsen ist. Noch besser wissen sie, welches Kraut als Droge geraucht am besten wirkt.


Angola – Malaria falciparum und viel Glück

Der Aufenthalt im dampfigen Urwald des Kongobeckens rächte sich unerwartet. In dieser entlegenen Region steht Malaria auf Platz eins der Todesursachen. Doch wieder einmal hatten wir riesiges Glück. In Luanda, der Hauptstadt Angolas, lernten wir Jun, einen herzensguten Philippinen und Inhaber einer Baufirma kennen, der uns auf sein Grundstück zum Übernachten einlud. 

Das faszinierendste an diesem extrem erfolgreichen und warmherzigen Mann ist seine Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft. Er schickt arme Angolaner in die Philippinen zum Studieren, zahlt Schulgeld für Waise, lässt Brillen und Medikamente im großen Stil verteilen. Und das alles schafft er nur mit der Unterstützung seiner wunderbar temperamentvollen Frau Fe. Am darauffolgenden Morgen war Jun sehr traurig, denn einer seiner Mitarbeiter starb innerhalb einer Woche an der gefährlichen Malaria falciparum. Diese Art Malaria zerfrisst in kürzester Zeit das Gehirn. Der Mann klagte nur über leichte Beschwerden wie Kopfschmerzen, Sehstörungen und Schwindelgefühle. Als Herta von den gleichen Symptomen erzählte, leuchteten alle Warnlampen knallrot. Sofort gingen wir zum Test. Und peng – ein positives Ergebnis. Nach drei Tagen Behandlung mit der Malariamedizin Coartem verschlimmerten sich ihre Beschwerden. Ein erneuter Test war wieder positiv und Heti am Boden zerstört. Die zweite Malaria-Hammermedizin Fansidar forderte ihren Körper bis an die Grenzen, so dass ihr sogar Haare ausfielen. Doch dann endlich!! – der dritte Test war negativ. Hätten wir nicht Jun getroffen, wären wir jetzt in der arzt- und menschenleere Mocamedes-Wüste im Südwesten Angolas am Atlantik unterwegs. Zum Glück werden wir nie wissen, was ohne die Malariaerfahrung und Hilfe von Jun und Fe mit Heti passiert wäre.

Solche Afrika-Erlebnisse sind emotionale Achterbahnfahrten. Darüber hinaus ist Afrika viel komplexer und schwieriger zu verstehen, als wir es uns je vorstellen konnten. Vor allem der enge Kontakt zu Menschen und Kulturen hat uns in unserer insgesamt dreijährigen Zeit in Afrika geprägt und verändert.

Als Diabetiker werde ich oft gefragt, ob ein solches Leben nicht verantwortungslos ist. Es kommt auf die Erfahrung und die Risikobereitschaft an. Sicher ist es nicht jedermanns Sache mit dem Handicap Diabetes so extrem zu reisen. Letztlich aber ist alles, was wir tun riskant. Auch durch vorausschauendes Handeln und mit 30 Jahren Diabeteserfahrung bleibt immer ein Restrisiko. Ich glaube, ein Diabetiker kann alles erreichen, wenn er es wirklich will. Er muss nur mehr dafür tun. Vielleicht haben wir Diabetiker sogar einen Vorteil. Wir haben Disziplin gelernt sowie den Willen, vorausschauend zu handeln. Beides sind Voraussetzungen, die das Abenteuer „Leben“ neben dem Glück ständig braucht.

In unseren Reisepausen geben wir unsere außergewöhnlichen Erfahrungen und Abenteuer in Multivisionsshows, Magazinen, Büchern und DVDs weiter.
Bisher sind die Bücher „Auszeit am Baikalsee – 1 Jahr am Limit“ sowie „Afrika hautnah – Ein Land Cruiser, zwei Grenzgänger und ein Kontinent“ im Delius Klasing Verlag erschienen. Die DVDs „Abenteuer Baikal – 1 Jahr am Limit“ und „Auge in Auge mit Afrika – Eine Reise zu den Menschen und ihren Kulturen“ wie auch die Bücher können unter www.hwbeck.de bestellt werden. Dort gibt es auch ausführliche Informationen und Bilder.

Werner Beck, 58 Jahre, verheiratet, zwei Kinder und von Beruf neugierig. Seit über 30 Jahren sucht der Typ 1 Diabetiker mit Insulinpumpe, außergewöhnliche Erlebnisse und Herausforderungen, sei es als Elektrotechniker, Erfinder, Filmer, Fotograf, Vortragsreisender oder Buchautor.


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