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Allein als Kind mit der Spritze

25. Juni 2014 | Menschen & Mediq

Im August 1967 erkrankte ich als 10-jähriger an Diabetes. Ich lernte jeden Tag Ernährungspläne schreiben, wie es damals üblich war. Zucker war absolut tabu. Jeden Tag die Spritzen mit U40 Rind - Schwein-Mischinsulin. Niemand in meinem Umfeld hatte je etwas von Diabetes bei Kindern gehört. In der Schule war ich allein mit dem Problem.

1972 schickte mich meine Kinderärztin in ein Ferienlager für Diabetiker nach Putbus auf Rügen. Dort mussten alle spritzen, vom jüngsten Teilnehmer, alle Helfer bis zum Lagerleiter. Gerhard M. hatte bereits in den 50er Jahren begonnen, eine geniale Organisation aufzubauen, die es ermöglichte, aus den Heranwachsenden für die staatlich finanzierten Ferienlager immer wieder neue Betreuer zu gewinnen. So wurde ich 1976 Helfer in einem Bezirksferienlager im Harz. Es wurde angestrebt, in jedem Bezirk der damaligen DDR ein Ferienlager zu organisieren. 1979 kam ich zur Feriengestaltung der neuerbauten Kinderklinik des Zentral­instituts für Diabetes in Karlsburg. Hier wurde der ständig wechselnde stationäre Aufenthalt der Kinder durch die Ferienbetreuung der diabetischen Helfer aufgewertet, die selbst auch behandelt wurden.

Als stellvertretender Lagerleiter war ich mit der aufwändigen Organisation der An- und Abreisen, Ausflugslisten …. usw. betraut. Alles mit der Schreibmaschine. Inzwischen wurden auch Schulungen fest einge­plant aber ohne Blutzuckerselbstkontrolle. 1983 wurde ich Lagerleiter, obwohl mir das eigentlich nicht lag. Bis 1988 leitete ich ein oder zwei Helferdurchgänge in Karlsburg. Nach dem Tod meiner Lebensgefährtin pausierte ich. Zum Abschied erhielt ich mein erstes Blutzuckermessgerät aus Westimporten. Die Wende 1989 veränderte viel.

1988 bildete sich im jetzigen Uniklinikum Dresden ein „Elternaktiv“. Selbsthilfegruppen waren nicht zugelassen. Die leitende Kinderdiabetologin hatte Eltern und aktive Diabetiker gewonnen. Wir versuchten vor allem, die Versorgung der diabetischen Kinder mit notwendigen Dingen zu verbessern, von Einmalkanülen bis Süßstoff oder Diätschokolade.

Aus dem Elternaktiv entstand 1990 die „Kinder- und Jugend-SHG der Diabetiker Dresden und Ostsachsen“. Nach der Wende war der Informationsbedarf der Eltern riesig. Vertreter der Industrie stellte Mess- und Spritztechnik vor. Wanderwochenenden, Ostereiermalen, Weihnachtsbäckerei, –feiern u. v. m.  bei Diabetestagen, Veranstaltungen von KISS, Vorträge bei Sponsoren … usw. Das Wichtigste war aber immer der Erfahrungsaustausch der Eltern. Trotz der umfangreichen Angebote konnte leider das Interesse der nachrückenden Generationen der Eltern diabetischer Kinder nicht aufrechterhalten werden und 2002 löste sich die Selbsthilfegruppe auf.


allein als kind1995 ergriff Petra W. die Initiative, um mit meinen langjährigen Ferienlagererfahrungen wieder etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Inzwischen gab es alle technischen Hilfsmittel, aber keine staatliche Unterstützung für ein Ferienlager. Wir fanden einen Anbieter, der überall Feriencamps organisiert und immer freiwillige Helfer sucht. Wir boten uns als Lagerleiter an, unter der Bedingung, dass wir 15 diabetische Jugendliche zu den Reiterferien mitnehmen dürfen. Zur Vorbereitung fuhren wir in das Ferienobjekt und sprachen mit dem Landarzt des Nachbardorfes für Notfälle. Alles wurde organisiert und es klappte prima, beim ersten Mal nur Ferien. Wir hatten überall nach Möglichkeiten gesucht und es fand sich im gleichen Jahr die Bavariaklinik Kreischa bereit, Jugendliche mit Kur­anmeldung zu betreuen und uns als Feriengestalter einzuladen. So wurden neben viel Spaß auch Schulungen organisiert. Das Wichtigste ist dabei, dass die Teilnehmer merken, es gibt noch andere, die sich mit dem Problem Diabetes herumschlagen müssen und sich austauschen, wie und wo die anderen Blutzucker messen, spritzen oder sich unter Freunden, in der Schule oder in den Familien verhalten.

1996 organisierten wir zusammen mit Hilfsvereinen für Tschernobyl ein Ferienlager für Kinder aus der Ukraine, Weißrussland und Sachsen. Es war eine riesige Herausforderung: Unterschiedliche Kulturkreise, verschiedene Diabetestherapien und das Problem der Finanzierung. Sponsoren suchen lag uns erst gar nicht. Wir haben uns überwunden. Betteln für einen guten Zweck. Wir suchten und fanden engagierte Mitstreiter, Helfer, Diätassistenten und Ärzte, die dann wieder andere animierten, mitzumachen und ihren Urlaub zu opfern. Für das jahrzehntelange Durchhalten erreichten Petra und ich 2008 beim ersten FineStar der Fa. Bayer den dritten Platz.

In den ersten Jahren mussten wir uns um Träger bemühen, die die Verträge abschließen konnten. Kinder- und Jugenderholungswerk, Diabetikerbund, eine Firma – es war immer spannend. 2002 gründeten einige besonders aktive Mitstreiter einen eingetragenen Verein, der selbständig arbeiten kann. Seit 1995 gibt es jedes Jahr Schulungs- und Ferienlager für Kinder und Jugendliche mit Diabetes. Aus einer Elterninitiative wurde ein beliebtes Ferienlager.

Ihr Ronald K.

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