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Mit dem Fahrrad durch Südafrika - eine Feuertaufe fürs CGM

25. Juni 2014 | Menschen & Mediq

Mit Ulrike Thurm um die Welt:

Als Diabetesberaterin begleitete Ulrike Thurm ein Team aus mit Insulin behandelten Diabetikern bei Ihrer dreiwöchigen Rad- und Wandertour durch Südafrika.

Dem Winter entfliehen, viel Sport treiben, in „Echtzeit" immer den aktuellen Glukosewert ablesen, auch im Schlaf den Blutzuckerverlauf überwachen und damit den auf körperliche Aktivität folgenden Muskelauffülleffekt kontrollieren und nächtliche Unterzuckerungen verhindern. Dies alles klingt für Menschen mit Diabetes wie ein Traum.

AfrikaAuf einer dreiwöchigen Rad- und Wanderreise in Südafrika erprobte das Team um den Diabetologen Jörg von Hübbenet aus Hamburg den Prototypen des CGM-Systems „guardian rt" der Firma Medtronic MiniMed mit Studienteilnehmern bereits im Januar 2005. Ich begleitete diese spannende Reise als Diabetesberaterin.

Bei der Anwendungsbeobachtung konnten alle mit Insulin behandelten Diabetiker auf Wunsch den Guardian zweimal für jeweils drei Tage tragen. Vorher und nachher war ein entsprechender Fragebogen auszufüllen. Natürlich mußten die Sportler parallel engmaschig ihre Blutzuckerwerte messen und alle durchgeführten Therapiemaßnahmen, sowie die Dauer und Intensität der körperlichen Aktivität dokumentieren.

Dadurch wurde die Meßgenauigkeit, aber vor allem auch der konkrete Nutzen eines solchen CGM, kurz für kontinuierliches Glukosemesssystem, erfaßt.

Die Wunschzettel der Teilnehmer

Doch bevor in Südafrika alle Beteiligten in die Pedale treten konnten, sollten noch einige prinzipielle Fragen geklärt werden:

  • Welche Erwartungen knüpften die zehn mitreisenden mit Insulin behandelten Diabetiker an die Fahrt?
  • Was versprachen sie sich von einer medizinisch betreuten Sportreise?
  • Was wollten sie optimieren?
  • Was erhofften Sie für Ihre individuelle Therapieanpassung?
  • Wo lag ihr persönlicher Informationsbedarf?
  • Was erhofften sie sich vom CGM, gerade unter Extrembedingungen?

AfrikaDer häufigste Wunsch der Teilnehmer bei dieser Studie war der aktive Erfahrungsaustausch mit anderen diabetischen Sportlern. Weiterhin wollten die meisten die Therapieanpassung unter diesen Extrembedingungen optimieren, um die Erkenntnisse für spätere sportliche Aktivitäten nutzen zu können.

Besonders die Einschätzung des veränderten Insulinbedarfs bei kontinuierlichen Ausdauerbelas­tun­gen, die daraus resultierende Reduktion der Basalrate oder des Verzögerungsinsulins standen oben auf dem „Wunschzettel". Dabei spielten die kontinuierlichen Echtzeit-Gewebezuckerwerte eine entscheidende Schlüsselrolle, denn diese Möglichkeit hatte bisher keiner der Sportler mit Diabetes.

Doch auch das Rennradfahren unter Anleitung eines ehemaligen Radprofis, Silbermedaillengewinners, Worldcupsiegers und zigfachem Deutschen Meister im Punktefahren – Uwe Messerschmidt – und dessen unermeßlichen Erfahrungsschatz für ihren Trainingsaufbau nutzen zu können, war für viele ein echtes Highlight auf dieser Tour. Aber auch der Urlaub, die Faszination Südafrikas - dieser unglaublich spannende und beeindruckende Flecken Erde, bleibende Eindrücke von Land und Leuten sollten nicht zu kurz kommen. 

Unsere Erfahrungen

Konnten diese Erwartungen erfüllt werden?

Die Teilnehmer stellten bei den Messungen fest, daß die vom Guardian angezeigten Werte nicht immer mit den Blutzuckermesswerten übereinstimmten. Die Differenzen waren häufig im Bereich um die 10-15 %, manchmal auch größer.

Bei körperlicher Aktivität und der oft damit einhergehenden schnell abfallenden Blutzuckerwerte, hängt der Guardian zeitlich mit den Werten hinterher und liefert somit keine verläßlichen Werte für einen Sporttreibenden. Bei einer sitzenden Tätigkeit dagegen sind die Guardian Werte sehr hilfreich, aber bei schnellen Blutzuckerschwankungen sind durch die zeitliche Verzögerung einfach Grenzen für die aktuelle Therapieanpassung gesetzt.

Auch die Lage des Sensors ist wohl zu überlegen. So legten alle Radfahrer den Sensor im Bauchbereich an. Durch die tief nach unten gebeugte Haltung bei den serpentinenartigen Abfahrten der Bergetappen, wurde der Bauch stark zusammengepreßt, was möglicherweise auch die Sensormessung beeinflußte. Ein Sensor produzierte während einer solchen Abfahrt keine Signale mehr und mahnte einen Sensoraustausch an. Nach Herausziehen des Sensors war dieser verbogen.

Bei Radsportlern oder Menschen, die sich im Arbeitsalltag oft im Rumpfbereich nach vorne beugen müssen, ist es daher empfehlenswerter, den Sensor seitlich oder im oberen Gesäßbereich anzubringen. Doch größtenteils stellten alle, die den Guardian unter diesen außergewöhnlichen Bedingungen getestet hatten, ihm ein extrem positives Zeugnis aus. „Der Guardian gab mir bei der Sportanpassung eine Sicherheit, die dazu geführt hat, daß ich jetzt mit meiner Therapieanpassung bei Ausdauersportarten viel besser umgehen kann. Ich habe durch diese kontinuierliche Gewebezuckermessung Informationen erhalten, die es mir ermöglichen, meine nun folgenden Insulindosisanpassungen zu Hause effizienter und besser durchführen zu können."

Der alles entscheidende Vorteil des Guardian wurde von einem Teilnehmer so formuliert: „... vor allem der Trend bei den Zuckerwerten (steigend oder fallend) erlaubte mir eine sofortige Korrektur, die sonst nach einer einmaligen Blutzuckermessung nicht immer so verläßlich möglich ist. Der Trend ist für mich bei körperlicher Aktivität von viel gravierenderer Bedeutung als die alleinige Höhe des Blutzuckermeßwertes."

Warnung vor nächtlichen Stoffwechselentgleisungen

Ein Wunsch vieler Menschen mit Diabetes ist die Warnung vor drohenden Stoffwechselentgleisungen. Ist der Guardian (engl. für Wächter) der unfehlbare Wächter über den Schlaf und schützt dort vor drohenden Unterzuckerungen? Zwei Teilnehmer unserer Südafrika-Radreise gehörten zu den chronischen „Tieffliegern". Ihre HbA1C-Werte lagen bei 5,8 % und 5,7 %. Circa 30-40 % ihrer Blutzuckermesswerte lagen unter 60 mg/dl und 10–25 % ihrer Blutzuckermesswerte unter 40 mg/dl.

Ein Wunsch vieler Menschen mit Diabetes ist die Warnung vor drohenden Stoffwechselentgleisungen. Ist der Guardian (engl. für Wächter) der unfehlbare Wächter über den Schlaf und schützt dort vor drohenden Unterzuckerungen? Zwei Teilnehmer unserer Südafrika-Radreise gehörten zu den chronischen „Tieffliegern". Ihre HbA-Werte lagen bei 5,8 % und 5,7 %. Circa 30-40 % ihrer Blutzuckermesswerte lagen unter 60 mg/dl und 10–25 % ihrer Blutzuckermesswerte unter 40 mg/dl.

Um möglichen Entgleisungen während der Reise vorzubeugen, gehörten die beiden zu den ersten Testträgern. Wie zu erwarten, alarmierten beide Guardians in der ersten Nacht. Dies bot mir eine wunderbare Gesprächsgrundlage mit beiden, um Ihnen die Risiken ihrer extrem niedrigen Blutzuckereinstellung, besonders hier unter diesen Bedingungen aufzuzeigen. Wir führten lange Gespräche u. a. über ihre Angst vor Folgeerkrankungen, dem Verharmlosen von Hypoglykämien und dem Risiko von schweren Unterzuckerungen, die beide schon mehrfach erlebt hatten.

Bei Teilnehmerin A führten diese Gespräche im Laufe der fast dreiwöchigen Reise zu einer wirklichen Veränderung ihrer „Einstellung". Ich werde nie vergessen, wie sie bei einem Blutzuckermessstopp vor einem langen Serpentinenanstieg zum Ende der Reise kommentierte: „Oh, 150 mg/dl, das ist mir bei dieser anstehenden Belastung zu niedrig, da brauche ich noch 1-2 BE, um sicher oben den Gipfel zu erreichen." Gesagt, getan. Eine Cola brachte sie sicher nach oben, und am Gipfel lag ihr Blutzuckerwert dann bei phantastischen 132 mg/dl. Sie fühlte sich pudelwohl, konnte entgleisungsfrei den Anstieg und die wunderbare Aussicht genießen. Tagsüber hatte sie die Basalrate ihrer Insulinpumpe um 70-80 % reduziert, nachts verringerte sie diese je nach absolvierter Streckenlänge und Belastung um 30-50 %. So hatte sie keine weiteren nächtlichen Hypoglykämien.

Nach ähnlichen Gesprächen mit Teilnehmer B, reduzierte auch er in der darauf folgenden Nacht die Dosis seines Verzögerungsinsulins und vermied damit erfolgreich weitere nächtliche Hypoglykämien. Doch der Effekt hielt keinesfalls an. Bei einer weniger intensiven, kürzeren Radetappe, ging er zurück auf seine gewohnte Dosis, also auf 100 % des gespritzten Verzögerungsinsulins. Obwohl wir lange über den Muskellauffülleffekt und die Erhöhung der Insulinempfindlichkeit bei lang andauernden Ausdauerbelastungen gesprochen hatten. So hatte er nachts, inzwischen Guardian-los, erneut eine Hypoglygämie. Sein Kommentar dazu: „Mit dem Guardian wäre mir das nicht passiert! Damit könnte ich problemlos die Blutzuckerwerte dauerhaft in einem noch viel niedrigeren Bereich halten, der weckt mich dann ja."

Die kontinuierliche Glukosemessung macht es chronischen Tieffliegern leichter, mit falscher Sicherheit noch tiefere Blutzuckerwerte anzustreben. Dieses Risiko war mir als Diabetesberaterin im Vorfeld nicht in diesem Maße bewusst.

Und beim Essen?

Zum Abschluss möchte ich noch ein Beispiel über die effiziente Nutzung des CGM schildern, die so gar nichts mit körperlicher Aktivität zu tun hat. Hat man durch das CGM einen besseren Einblick über die, nach einem sehr fett- und eiweißreichen, zeitlich sehr späten Abendessen, folgende, verzögerte Resorption der Kohlenhydrate und der daraus resultierenden, verspäteten Erhöhung der Blutzuckerwerte über Nacht? Es ist kaum zu glauben, aber wir haben in Südafrika nicht nur Sport getrieben, wir haben auch (manchmal sehr ausgiebig) die nationalen kulinarischen Köstlichkeiten genossen. Wir waren ja schließlich im Urlaub.

Zum Abschluss möchte ich noch ein Beispiel über die effiziente Nutzung des CGM schildern, die so gar nichts mit körperlicher Aktivität zu tun hat. Hat man durch das CGM einen besseren Einblick über die, nach einem sehr fett- und eiweißreichen, zeitlich sehr späten Abendessen, folgende, verzögerte Resorption der Kohlenhydrate und der daraus resultierenden, verspäteten Erhöhung der Blutzuckerwerte über Nacht? Es ist kaum zu glauben, aber wir haben in Südafrika nicht nur Sport getrieben, wir haben auch (manchmal sehr ausgiebig) die nationalen kulinarischen Köstlichkeiten genossen. Wir waren ja schließlich im Urlaub.

Welcher Mensch hat Lust, nach vielen Stunden körperlicher Aktivität, und einem köstlichen Abendessen den Rest der Nacht damit zu verbringen, alle zwei Stunden den Wecker zu stellen, um den genauen Verlauf seines Blutzuckers zu erforschen? In der Praxis legt man sich todmüde, wohlgenährt und zufrieden ins Bett und schläft.

Hier sind die kontinuierlichen Gewebezuckerwerte des Guardians von unschätzbarem Wert. So kann man minutiös den Gewebezuckerverlauf während der Nacht beobachten. Ab wann und wie lange hat sich die verzögerte Resorption der Kohlenhydrate erstreckt. Als Insulinpumpenträger kann man so beim nächsten „Mahl" den Bolus über genau diesen Zeitraum verzögert einstellen, damit Kohlenhydratresorption und Insulinwirkung zeitlich exakt zusammenfallen. Die ICT`ler mussten hier sehr intensiv mit einer Kombination von Normal- und Analoginsulinen zum Essen oder mehrmaligen, zeitlich verzögerten Bolusgaben mit Analoginsulinen jonglieren.

Diese Erkenntnisse nahmen alle erfolgreich mit nach Hause, um sie dort auf die europäischen Spezialitäten zu übertragen.

Afrika

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