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Abgetaucht

25. Juni 2014 | Menschen & Mediq

Mit Ulrike Thurm um die Welt:

Ulrike Thurm, Diabetesberaterin DDG und Mitautorin der CGM- und Insulinpumpenfibel sowie der Diabetes- und Sportfibel berichtet von Ihren Erlebnissen rund um das Thema Diabetes.

Tauchstudie in Papua - Neuguinea

Ganz schön kalt am Frankfurter Flughafen. In dicke Pullis und Winterjacken gehüllt, hatte sich eine kleine Schar von Reiselustigen in der Abflughalle zusammengefunden. Sie wollten gemeinsam in den Sommer von Papua-Neuguinea fliegen. Nichts Besonderes, oder doch?! 
Aus den Bergen von Gepäck, das in einer konzentrierten Aktion auf alle Teilnehmer verteilt wurde, entpuppten sich merkwürdige Reiseutensilien. Neben Taucherbrillen, Flossen, Tauchcomputern mussten kiloweise Blutzuckerteststreifen, Messgeräte, ein Notfallkoffer mit Defibrilator, ja sogar eine Zentrifuge sicher verstaut werden. 

Nein, dies war keine Aktion der Unesco, um die medizinische Versorgung in einem Entwicklungsland aufzubessern. Es war der Versuch der IDAA (International Diabetic Athletes Association), eine der letzten Bastionen zu brechen, wo offiziell erlassene Verbote insulinspritzende Typ-I-Diabetiker daran hinderten, einen wunderschönen Sport auszuüben – der erste internationale Tauchkurs für Diabetiker.
Spannung und Nervosität waren fast fühlbar, denn Teilnehmer wie Organisatoren hatten ein kleines Wagnis auf sich genommen. Für einige war es die erste richtige Fernreise. Mit dem Starten des Fliegers begann der längste Tag dieses Urlaubes, der 11. November – über Tokio, Cairns nach Port Morseby - wir waren fast 40 Stunden unterwegs.

Probleme und Lösungen

Damit traten natürlich die ersten Probleme auf, die aber glücklicherweise keine waren: dem Blutzucker zu sagen, dass nach dem Morgengrauen nicht der Vormittag, sondern der Abend folgt. Durch Überbrücken der sich ergebenden Insulinlöcher mit Normalinsulin, bzw. der Auswahl der niedrigsten Basalrate der Insulinpumpe und Korrektur über den Bolus, waren wir gut eingestellt und alle Blutzuckerwerte lagen an diesem nicht enden wollenden Tag konstant im grünen Bereich.

Als wir sicher an unserem Zielort landeten, waren wir erleichtert. Die Begeisterungsstürme wurden jedoch in ihrer Intensität von mindestens 150 %iger Luftfeuchtigkeit und Temperaturen, die jedes Fieberthermometer in den roten Bereich hätten schnellen lassen, gebremst. Jetzt erreichte die Unwirklichkeit ihren Höhepunkt: Vom Hafen aus wurden wir mit kleinen Motorbooten nach Loloata-Island – von uns liebevoll in Lummerland umbenannt – geschippert. 

Da standen wir nun, mit hochtechnischen, luftgesteuerten Tauchcomputern, Messgeräten, Laptops, einer medizinischen Ausstattung, nach der sich so manches Krankenhauspersonal in Deutschland die Finger geleckt hätte, auf diesem kleinen Fleckchen Erde. Ein strahlend blauer Himmel eröffnete uns den Blick auf weitere Inselgruppen inmitten des bläulich gleißenden Meeres. Palmen und Mangroven, tropische Vögel – was wollten wir mehr?! Für die eigentlich wohlverdiente Erholung, die Akklimatisierung und das Auskurieren des Jetlags blieb keine Zeit.

Ein Geballtes Programm

Nach kurzem Auspacken wurde die erste Unterrichtseinheit eingeläutet. Den Studienteilnehmern wurde das Programm der folgenden zehn Tage vorgestellt, inklusive aller Untersuchungen und des geballten Messprozederes - die Zeit war knapp. Halb schlafend unter Palmendächern und einem faszinierenden Sternenzelt aßen wir zu Abend, die exotischen Speisen entbehrten nicht eines gewissen Quizcharakters. 

Es war absout beeindruckend, wie diese überdurchschnittlich gut mit ihrem Diabetes vertrauten Studienteilnehmer all diese Unwegsamkeiten wie den Klimaschock, die komplett andere Zeitzone und die völlig undefinierbaren kulinarischen Köstlichkeiten wegsteckten und es ihnen gelang, ihren Diabetes auch auf diese extremen Bedingungen einzustellen, Kompliment!!!

Dazu gesellte sich in den folgenden 24 Stunden eine weitere unbekannte Größe. Wie wird sich wohl die Belastung des Tauchens auf die Blutzuckerwerte auswirken? Nachdem die angehenden Taucher am Morgen von Claudia, die diesen Kurs als IAHD-Instructor (International Associaton for Handcaped Divers) mitorganisiert hatte, in die Grundlagen von Gerät und Tauchtechnik eingeführt worden waren, wurden Insulin- und Kohlenhydratdosisanpassung für den ersten Übungstauchgang in der Gruppe diskutiert. Da die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 bisher eine absolute Kontraindikation zum Tauchsport darstellte, gab es keine offiziellen Empfehlungen. Wir betraten Neuland. Die Normalinsulindosis wurde zum Mittagessen um 50 % reduziert und die Kohlenhydratmenge um eine nicht ganz so gut zu bestimmende Prozentzahl erhöht, eine recht drastische Maßnahme, aber getreu dem Grundsatz: „Was ist das Schlimmste, was passieren kann?“ Da ja Insulin im Körper verfügbar war, konnte keine ketoazidotische Entgleisung eintreten, also galt es primär, einer Unterzuckerung vorzubeugen. 

tauchenÜberraschende Messwerte

Unverhofft kommt oft, vor allem bei einem Projekt wie diesem. Die ganze Zeit über waren die Gedanken und Planungen bei der Studie darauf konzentriert gewesen, auf jeden Fall eine Unterzuckerung unter Wasser zu vermeiden, da diese bei dem verhängten Tauchverbot für insulinbehandelte Diabetiker der limitierende Faktor gewesen war. Doch bei Sichtung und Auswertung der beim ersten Tauchgang angefallenen Hämatokritwerte offenbarte sich ein anderes, bis dahin vernachlässigtes Thema: die Dehydrierung. 

Beim Tauchsport an sich trocknen alle Taucher durch das Atmen der gepressten, trockenen Luft aus. Deshalb wird in allen Tauchkursen verstärkt darauf hingewiesen, dass man mindestens 1 l Wasser oder Elektrolytlösung trinken sollte. Dies gilt für stoffwechselgesunde Taucher. Bei Menschen mit Diabetes sind Blutzuckerwerte, die über der Nierenschwelle liegen (180 - 250 mg/dl oder 10 - 14 mmol/l) vor einem Tauchgang unumgänglich, um einer Hypoglykämie vorzubeugen. Infolge der dadurch verstärkten Diurese wird aber deutlich mehr Urin ausgeschieden. Dieser musste nun während des Tauchens unangenehmerweise durch den Wetsuit direkt dem Meer überantwortet werden. Dazu drohte eine nicht zu unterschätzende Dehydrierung, die noch dazu die Möglichkeit einer Dekompressionskrankheit vergrößerte. Tja, wie groß war nun das verstärkte Dehydrierungsrisiko wirklich? 

Vorsicht Austrocknung!

Na Klasse, in dieser Nacht hatte ich ziemlich schlecht geschlafen. Mit unserer Studie wollten wir zeigen, dass man Hypoglykämien beim Tauchen vorbeugen kann, um dem generalisierten Tauchverbot etwas entgegensetzen zu können und nun schien der limitierende Faktor die deutlich verstärkte Dehydrierung zu sein. 
Damit hätten wir wirklich das große Los gezogen: versammeln 16 Probanden aus drei Kontinenten der Welt um herauszufinden, dass der Tauchsport für Diabetiker absolut nicht zu empfehlen ist.
Die große Frage war jetzt: Konnten wir etwas dagegen tun?
 
Um Unterzuckerungen zu vermeiden, reduzierten wir das Insulin und erhöhten die Kohlenhydratmenge. Aber reichte es aus, wenn man einfach die Trinkmenge erhöhte? Die Aufgabe für den nächsten Tag war also klar – trinken, trinken, trinken. Elke, begeisterte Tauchsportlehrerin und seit ihrer Diabetesmanifestation im März des Jahres kein einziges Mal mehr unter Wasser gewesen, stand am nächsten Morgen um 5 Uhr auf, um in den verbleibenden 4,5 Stunden bis zum Tauchgang, sage und schreibe 5 Liter Wasser zu trinken. Tolle Leistung, was sich aber glücklicherweise in diesem Übermaß als nicht erforderlich herausstellte.
An unserem zweiten Tag war die wichtigste Frage nach dem Tauchgang: Wie ist mein Hämatokritwert? Das viele Trinken hatte sich gelohnt, die Hämatokritwerte der Diabetiker unterschieden sich nicht mehr von denen der nichtdiabetischen Kontrollpersonen. Alles im grünen Bereich, so lange die diabetischen Taucher die doppelte Trinkmenge im Vergleich zu ihren stoffwechselgesunden Tauchpartnern tranken. Jetzt konnten wir uns dem „eigentlichen Hauptdarsteller“ dieser Studie widmen, der Blutzuckereinstellung und damit verbunden der Insulin- und Kohlenhydrat­anpassung. 

Aufgrund der vielen unbekannten oder zumindest unberechenbaren Faktoren im menschlichen Stoffwechsel, gab und gibt es keine generellen „Kochrezepte“ für tauchende Diabetiker. Deshalb war eines unserer Ziele, für jeden Teilnehmer seine individuelle Therapieanpassung abhängig von den verschiedenen Variablen erarbeiten zu können. Wir konzipierten ein gemeinsames IDAA/IAHD-Tauch­log­buch, eine Kom­­bination von Diabetestagebuch und Tauchlogbuch, mit dessen Hilfe die Therapie bei allen individuell angepasst werden konnte. Während des gesamten Kurses kam es zu keiner Unterzuckerung während oder nach den Tauchgängen.

Viele Nichttaucher stellen sich vielleicht die Frage: Warum das alles? Ein Zitat, das ich sehr gern verwende, wenn es um das Thema „Diabetes und Sport“ geht, ist der Ausspruch des Sportmediziners Josef Nöcker: „Man darf nicht nur die Frage stellen, was leistet der Mensch sportlich, sondern man muss vielmehr auch die Frage stellen, was leistet der Sport menschlich?“

tauchenUnser Studien-Erfolg

Die medizinischen Daten, die unsere Pilotstudie ergeben hatten, ließen keine Notwendigkeit erkennen, insulinspritzende Diabetiker vom Tauchen auszuschließen. Unsere Studie stieß bei Medizinern und vor allem tauchbegeisterten Diabetikern auf großes Interesse.

Heute

Das undifferenziert verhängte Tauchverbot für mit Insulin behandelte Diabetiker konnte dank einiger Folgestudien, die wir in den anschließenden Jahren dann im Roten Meer durchgeführt hatten, aufgehoben werden. Auch heute ist Tauchen nicht für jeden geeignet, egal ob Diabetiker oder Stoffwechselgesunder. Aber mit entsprechender Schulung und bestandener  Tauchtauglichkeits­unter­suchung ist dieses Vergnügen nun offiziell auch für Menschen mit Diabetes erlaubt. 

Nothing can stop us now!

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