Service-Hotline 0800 3 42 73 25

Rausch und Realität

29. November 2016 | Gesund leben

DIABETES UND ALKOHOL

Rausch und Realität

Bevor das Jahr zu Ende geht, stehen noch einige Festlichkeiten und Feiern an, und das eine oder andere Glas Alkohol gehört bei vielen dazu. Natürlich können auch Menschen mit Diabetes Alkohol trinken, sie müssen nur ein bisschen mehr beachten. Deshalb ist es wichtig, bei Beratungen und Schulungen speziell wenn es um Ernährungsempfehlungen geht, offen über Alkohol zu sprechen. Es geht nicht darum, Alkohol als grundsätzlich schädlich zu brandmarken. Es geht eher darum, über die möglichen Folgen und Gefahren die im Zusammenhang mit einem Alkoholkonsum verbunden sind, aufzuklären. Dies trifft vor allem für Patienten mit einer Insulintherapie, aber auch für Patienten, die mit einer bestimmten Form der oralen Antidiabetika, den Sulfonylharnstoffen), behandelt werden, zu. Dazu aber später mehr im Text.

„Trink ihn aus, den Trunk der Labe und vergiss den großen Schmerz ...“

Diese Zeilen aus Schillers Siegesfest von 1804 veranschaulichen, woran wir in erster Linie denken, wenn über die Verwendung von Alkohol gesprochen wird. 

Doch das ist bei weitem nicht alles! Alkohol findet beispielsweise Einsatz in der chemischen Industrie als Reinigungs- oder Lösungsmittel, in der Kosmetikproduktion, als Grundlage von Desinfektionsmitteln oder auch als Brennstoff. Dinge, die für uns alltäglich sind und auf die nicht verzichtet werden kann. Trotzdem ist die Verwendung des Alkohols in Getränken sicherlich das für uns interessanteste oder auch reizvollste Einsatzgebiet. 

Der Genuss alkoholischer Getränke gilt, solange es sich nicht um Alkoholmissbrauch handelt, als gesellschaftsfähig. Leider verschwimmen oft die Grenzen was den Begriff „risikoarmer Konsum“ anbelangt. 

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift, allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“
Schon diese Zeilen des Schweizer Arztes Paracelsus (1493-1541) zeigen, wie wichtig es ist, bei allen Dingen eine, noch als „gesundes Maß“ bezeichnete Menge einzuhalten.

GIFT IM BLUT

Obwohl als Trinkalkohol bezeichnet, ist der Alkohol mit dem chemischen Namen Ethanol nur bis zu einem bestimmten Maße genießbar. Eigentlich ist dieser sogar ein verheerendes Zellgift, hätte unser Körper nicht einen raffinierten Abbauprozess, der dafür sorgt, dass zum Schluss nur harmlose Stoffe übrigbleiben, die einfach wieder ausgeschieden werden. 

Nach dem Konsum wird der Alkohol über die Blutbahn relativ schnell im Körper verteilt, spätestens 90 Minuten nach dem Genuss ist die Verteilung abgeschlossen. So gelangt er auch ins Gehirn und lähmt dort unter anderem die Nervenzellen. Wichtige Funktionen wie Wahrnehmung, Reaktion und Gleichgewichtssinn werden beeinträchtigt. Unbedingt sollte daher nach Alkoholkonsum auf das Führen eines Kraftfahrzeuges oder einer Maschine verzichtet werden. 

Der Abbau selbst erfolgt in den Schleimhäuten des Magens und dem Dünndarm, zu 95 bis 98 % aber in der Leber. Dies geschieht stufenweise durch verschiedene Enzymsysteme. Die Alkohol-Dehydrogenase (ADH) ist hier das entscheidende Enzymsystem. Dabei entsteht auch das giftige Abbauprodukt Acetaldehyd, dass für die bekannten „Katersymptome“ wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel sowie einen ausgetrockneten Mund verantwortlich ist. Das Acetaldehyd wird anschließend in Azetat (Essigsäure) umgewandelt,an die Körperflüssigkeiten abgegeben und schließlich als Kohlendioxid und Wasser über den Atem, Schweiß und Urin ausgeschieden. 

So schnell sich der Alkohol im Körper verteilt und man erste, meist angenehme, Auswirkungen spürt, der Abbau erfolgt nur sehr langsam: Die Abbaurate, das heißt wie lange es dauert bis der Blutalkoholspiegel wieder nahe Null ist, liegt zwischen 0,1 und 0,2 Promille pro Stunde, ist aber von Person zu Person sehr verschieden. Der Prozess lässt sich auch nicht beschleunigen, weder durch Kaffee, frische Luft oder eine kalte Dusche. 

Um nach 0,5 Promille (dies erreicht man oft schon, wenn man 0,5 Liter Bier trinkt) wieder nüchtern zu werden, braucht es entsprechend zwischen drei und vier Stunden. Das ist sehr langsam und stellt, vor allem bei Patienten die eine Insulintherapie durchführen oder Sulfonylharnstoffe einnehmen, eine ernstzunehmende Gefahr dar.

UNTERZUCKERUNGSGEFAHR BEI ALKOHOLGENUSS

Bei einer der oben genannten Therapieformen besteht grundsätzlich das Risiko einer Unterzuckerung. Behandelt man seinen Diabetes beispielsweise nur mit Metformin besteht diese Gefahr nicht. Insulin, egal ob aus eigenen Reserven oder gespritzt, lässt, solange es im Körper wirksam ist, immer den Blutzuckerspiegel sinken. Sulfonylharnstoffe wirken direkt auf die Bauchspeicheldrüse und lassen dort Insulin ans Blut abgeben. 

Wie Sie sicherlich noch aus Ihren Diabetesberatungsstunden wissen, gibt es in unserem Körper ein großes „Zuckerspeicherorgan“ - die Leber. Über 100 g Zucker sind dort als Speicherzucker gelagert. Im Falle eines sinkenden Blutzuckers wird, durch die Abgabe dieses Zuckers an das Blut der Blutzuckerspiegel rasch wieder angehoben. Ein Prozess, der von uns völlig unbemerkt abläuft. Durch den Konsum von Alkohol, auch schon von geringen Mengen, ist die Leber nicht in der Lage, Zucker abzugeben, da der Abbau des Zellgifts Alkohols für die Leber oberste Priorität hat.

Wirkendes Insulin lässt unabhängig davon den Blutzucker weiter fallen, was schwere und langanhaltende Unterzuckerungen zur Folge haben kann. Zusätzlich bemerken viele Patienten durch die anregende Wirkung des Alkohols eine beginnende Hypoglykämie kaum und reagieren dementsprechend nicht. Spielt in diesem Szenario noch körperliche Bewegung wie die heimwärts-führende Fahrradtour oder gar Sport eine Rolle, kann eine „feucht-fröhliche“ Nacht ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.

FAKTEN UND MYTHEN

Was oft übersehen wird ist, dass Alkohol auch eine Menge Energie enthält, nämlich 7 kcal pro Gramm reinem Alkohol. Das klingt erst einmal nicht viel. Bedeutet aber, dass eine Flasche Bier bis zu 250 kcal und eine Flasche Wein allein durch Alkohol ca. 620 kcal enthält. Da ist möglicher Zucker durch halbtrockene oder liebliche Weine noch nicht mit eingerechnet. Im Vergleich hat eine 100 g Schokoladentafel ca. 550 kcal. 

Ein Schnaps nach dem Essen? Eine Schnapsidee! Es ist ein Mythos, dass ein Gläschen Alkohol nach dem Essen den Verdauungsprozess fördert. Im Gegenteil, Alkohol verzögert sogar die Fettverdauung. Das beste Mittel um dem trägen Magen auf die Sprünge zu helfen ist und bleibt die Bewegung, möglichst an frischer Luft. Durch das Laufen wird die Magendurchblutung angeregt und das Völlegefühl verschwindet. 

Wein oder Bier geben manchen Gerichten erst den richtigen Geschmack. Doch Vorsicht! Alkohol verdunstet nicht zu 100 % beim Kochen. In Weinsoßen bleiben noch 85 % des Alkohols wirksam, nach einer Stunde Kochzeit noch 35 %. Das spielt für Kinder oder auch alkoholkranke Menschen, die mit am Tisch sitzen, eine große Rolle. 

WAS IST ZU BEACHTEN?

Um Ihnen dennoch den Genuss von Alkohol nicht gänzlich zu verderben, gilt es einige grundsätzliche Hinweise zu beachten, an die man sich in solchen Fällen auf jeden Fall halten soll.

  1. Alkohol bei Insulin- oder Sulfonylharnstofftherapie nie auf nüchternen Magen trinken, sondern immer mit kohlenhydrathaltigen Nahrungsmitteln konsumieren.
  2. Hohe Unterzuckerungsgefahr im Rahmen von körperlicher Bewegung und Sport beachten. In diesem Fall sollte auf Alkohol in jeglicher Form verzichtet werden. Entgegen der üblichen Werbeaussagen ist ein „Sportlergetränk“, das Alkohol enthält (z. B. Radler) keine Alternative.
  3. Die größte Hypoglykämiegefahr besteht in der Nacht, daher sollte der Blutzucker vor dem Einschlafen nochmals kontrolliert werden. Als Zielwert gilt hier (bei Alkoholgenuss) ca. 10 mmol/l bzw. 180 mg/dl.
  4. Durch den langsamen Alkoholabbau planen Sie möglichst Zwischenmessungen ein, und korrigieren Sie Ihren Blutzucker nur behutsam.

Egal für welches alkoholische Getränk Sie sich am Ende entscheiden, wichtig ist das richtige Maß zu finden. Alkohol ist und bleibt ein Genuss- und kein Lebensmittel. 

In diesem Sinne: Auf Ihr Wohl! Ihre Astrid Hofmann & Claudia Donath, Diabetesberaterinnen DDG

Schreiben Sie ein Kommentar